elisabeth

Wolfgang Hubach | Helga Köbler Stählin | Elisabeth Jucker | Alex Rajcsányi | Margit Raven | Chris von Burkersroda | Ludwig Mahner | Wer sind wir?

Elisabeth Jucker

 

geboren 1954 in Schaffhausen, aufgewachsen in der Schweiz. Nach längerem Aufenthalt in der Region Rhein-Neckar lebt sie heute in Wettingen. Sie ist in der Erwachsenenbildung tätig, leitet Workshops in den Bereichen Kreatives Schreiben und Autobiografisches Schreiben. Sie schreibt Prosa und Lyrik.

 

 

Textproben

 

Ein Vater für Engelchen

Ausschnitt:

Engelchen stand mit nackten Füßen am Bettrand, und Sibylle tat, was sie an ihrem freien Tag immer tat, sie ließ es unter die Decke schlüpfen. Dann döste sie noch eine Weile mit dem Kind im Arm. Um neun standen die beiden auf, duschten, wuschen sich die Haare, hantierten mit Bürsten, Kämmen, Gel und Fön, steckten Spangen mit farbigen Knöpfen, Käfern und Schmetterlingen in ihre Frisuren, schlangen Bänder darum, lackierten sich Nägel und Nägelchen, zogen sich fein an und fuhren zum Frühstück in die City. Drei Lokale standen zur Auswahl. Bei schönem Wetter wählten sie anders als bei Regen, bei Kälte anders als im Sommer. Sie bestellten Brötchen und Butterhörnchen, heiße Schokolade und Kaffee, manchmal Joghurt oder Rührei. Oft wählten sie einen Tisch am Fenster, schauten zu, wie die Leute vorbeieilten mit Taschen und Tüten, selten ein Kind dazwischen, ein Hund oder ein Fahrrad. Heute saß am Nebentisch ein freundlicher, junger Mann, Mitte zwanzig, lockiges Haar und frisch gebräunt. Er schaute ebenfalls hinaus. Hin und wieder warf er Engelchen und Sibylle einen Blick zu, lächelte, schien etwas sagen zu wollen und nicht zu wissen was. Engelchen glitt vom Stuhl und trippelte hinüber. …

"Und dann das…", Überwald Verlag, 2007

 

 

Die Zeit vergessen

Ausschnitt:

… In den ersten drei Tagen meines Aufenthalts in Coimbatore, einer Industriestadt in Südindien, habe ich gelitten, habe mich aufgeregt, es einfach nicht akzeptieren wollen und können, dass Zeit keine Rolle spielt, dass man statt wie vereinbart nicht um acht losfährt sondern erst viel später, und dafür auch keine Entschuldigung oder Rechtfertigung braucht. Es ist eben einfach so, weil zuerst jemand fehlte und dann der Bus nicht mehr da war, dann der Organisator verschwunden. Also sitzen wir, eine kleine Gruppe von indischen Lehrerinnen, Germanistinnen, Professorinnen und ich, als Gast aus der Schweiz, in der Hotellobby und reden, hören einander zu und warten.

Als ich tatsächlich vergessen habe, dass ich warte, einfach sitze, da und dort ein Gespräch mithöre, mich eigentlich ganz wohl und geborgen fühle in dieser weiblichen, entspannten Gesellschaft, kommt der Organisator und winkt mit dem Arm. Ich springe sofort auf, allzeit bereit, die einzige in Eile, denn ein Armschwenken bedeutet noch nicht, dass man sofort geht.

Irgendwann sitzen wir endlich im Bus und fahren zum Campus. Ich bin gehalten von weichen Hüften. Die Hektik des Verkehrs ist außerhalb und geht mich nichts an. Wir passieren die Einfahrt des "Art and Science" Campus, fahren in diese abgeschlossene Welt der Studierenden hinein, steigen aus, suchen etwas Schatten unter den Bäumen und setzen die Gespräche fort. Irgendwann hat sie mich wieder, die Zeit, …

"Ankommen", Wellhöfer Verlag, 2011

 

 

Publikationen

 

Die Villa, Roman

Verlag edition 8, 2007
 

Übers Meer, Roman

Verlag edition 8, 2003
 

Gestern brennt

Erzählungen
Verlag edition 8, 2000
 
Beiträge in div. Anthologien
 
Bezugsquelle:
im Buchhandel
beim Verlag
bei der Autorin
 
Weitere Infos:
www.elbe-textwerkstatt.info